"PEARL" Fanzine, Hamburg
(the noise and the melodies)
Nr.07/96
S. 8-9
Kritik zu "Entsetzlich"
[...] Abschliessend ein letzter Rückblick auf den Topos "Über Sex kann man nur auf englisch singen". Seit der Bebüt EP von Busch sollte dieses Argument auf ewig und endgültig am Strassenrand verhungert sein (zumindest das "man" gegen "ich" vertauscht). In einem bis dato ungehörten Ausdruck, Sprachfluss und Melodiösität verschmolzen in Kreuders Songs (auch so eilte schöne Tradition, diese Only-Nachnamen Inszenierungen) Worte und Musik zu einem selbstverständlichen Ganzen. Nun ist mit "Entsetzlich" (Marsh-Marigold) der erste Longplayer von Busch erschienen, und trotz aller Euphorie und bestehender Gültigkeit des Gesagten braucht diese Platte mehrere Anläufe. "Ein echter Grower", wie man gerne zuvorkommend für "hätte besser sein können" sagt. Sicherlich spielt der Wegfall der Überraschung mit hinein, der große, schwere Erwartungen aufgebaut hat, "Entsetzlich" enttäuscht keineswegs inhaltlich - trotzig wohliger Weltschmerz still galores. "Ich bin auf niemandes Seite, jedenfalls nicht auf deiner!" Das Problem dieser Platte liegt im Gewagtabernichtganzgewonnen. Busch war bisher ein Ein-Mann-Projekt. Kreuder und die Japaner. Für "Entsetzlich" hat er sich seine schmerzlich erprobte Liveband geschnappt und noch ein paar Streicher dazu. Die so veränderten Produktionsbedingungen litten leider unter etwas widrigen Umständen, wo vieles zu schnell oder zu ungeduldig entschieden werden mußte. Der Tod eines jeden Perfektionismusses von dem gerade die Arrangements früherer Aufnahmen von Busch lebten. Bestes Beispiel ist der Opener "Helen weiss das auch", bei dem ich das Glück oder Pech habe - wie man's nimmt -, eine ältere Demoversion zu kennen. Auf "Entsetzlich" stolpert der Song überstürzt in die Strophe hinein, wird aber glücklicherweise rechtzeitig von dem treibenden Baß aufgefangen. Das Herzblut des Streicherensembles verfehlt ebenfalls nicht seine Wirkung. Das Schlagzeugspiel wirkt angenehm leicht. Und doch vermisst man die volle, große Produktion des "Demos". Ein Zwiespalt, der sich mit wiederholtem Hören (beim Autor im speziellen noch vermischt mit dein massiven Eindruck der Livepräsentation) langsam schließt, wenn die Songs ein Eigenleben beginnen jenseits der Konkretheit der Aufnahmen, und man im Detail einen bestimmten Charme entdeckt. Etwa die betonte Widerspenstigkeit, in der Kreuder erklärt: "Hey, hey, daraus wird nichts, ich duelliere mich nicht mit dir, denn es wäre schade um mich, amüsier dich allein, ich will nicht." Oder der Live-Hit "Nahezu nein", bei dein Tom Liwa eine genial verbockte Knarzgitarre beisteuert. ("Kampf dein Großkapital! Das gehört nicht zu unserem Vokabular. Er weiß ganz genau, daß man nicht mit Farbe auf fremde Wände schmieren soll ") Die subtil eingesetzten Stimmeffekte bei "Ungeduldig bis zuletzt". Sucht selber. Man vergißt langsam die flachbrüstige Jangeligkeit, an der diese Platte ein wenig krankt, und saugt die fantastische Kraft und Atmosphäre auf, die in Kreuders Songs steckt,
"Um eins gleich klarzustellen, hier wird nicht gebrüllt." (Kreuder beim üblichen "Kannste-nicht-was-lauter-singen" Mixer-Sänger-Kampf während des Soundchecks im Frankfurter Dreikönigskeller)


