"Rolling Stone"
Nr.12 / Dezember 1996
S. 85-86
Kritik zu "Entsetzlich"
(**** Sterne)
Juvenile Leiden in Deutschland, einmal mit Schmelz, einmal mit Schmiß. Abgeklärte, durchtriebene Gefühligkeiten von Männern, die schon mal jünger waren und gar keine Wut mehr im Bauch (oder sonstwo) haben und anders als Blumfeld, anders als selbst Tocotronic gegen nichts protestieren. Die neue Romantik! Rein zufällig aus der romantischen Kapitale Hamburg im einen Fall das Label, im anderen die Musiker.
Busch sind eine Band, die mit den anderen, den rockenden Bush aus England nichts verbindet. Busch ist das Projekt des Herrn Kreuder, der in schöner Tradition auf den Vornamen verzichtet, verzwickt-grandiose Arrangements für Pop-Quartett und Streicher schreibt und kryptische, kopfhängerische Texte dazu. Die Maxime lautet: "Ich bin auf niemandes Seite/ Denn niemand ist auf meiner" aber da gibt es immerhin "die Helens' und "Amelies", die das Leben nicht einfacher, aber doch leichter zu ertragen machten". So der nun doch schon ältliche Bohemien im Booklet.
Ein
Morrissey-Nachfahre und Höhlenbewohner stellt sich hier vor: "Komm
selbstgewählte Einsamkeit/ Wir sind niemals allein hier/ Denn: Wir
brauchen uns nichts auszudenken/ Wir sind ein recht kleiner Club hier/
Wir sind kaum mehr als zwei." Ein bißchen sperrig zu singen zwar, aber
Kreuder drängt es nicht nach vorn. Die perfekte Verfassung seiner
Lieder erlaubt auch beiläufiges Hören. "Entsetzlich" ist ein Album voll
Harmonie und trägt doch den richtigen Titel: Denn der Weltschmerz, das
Herzweh, die Sehnsucht lasten schwer auf dem Lebenskünster. jung sein
und jung bleiben/ Nur einen Steinwurf von hier entfernt/ Salinas ist
überall." In Salinas, Kalifornien, beendete der Schriftsteller Richard
Brautigan sein Leben, nachdem er seine Kindheit nicht mehr finden
konnte.
[...]
Arne Willander


